Im Land der Ritter & Kokosnüsse

9/9 Weicheisen in Wales

Gut geschlafen, gut gefrühstückt, kommen wir nun zum nicht guten Teil. Der Seitenständer kann es nicht mehr halten. Besser, als wenn ich es nicht mehr halten könnte, aber ab sofort ist die Nutzung dieses Weicheisens untersagt. Mark, seines Zeichens Chef des Ivybridge Guesthouse, legt sich ins Zeug für mich und organisiert mir eine Werkstatt 8km die Straße runter. Dort erkläre ich dem Boss, der den Anschein macht, schon lange nicht mehr arbeiten zu müssen (also der Rente wegen, nicht des Geldes), mein Problem. Mir wird ein Mitarbeiter zur Seite gestellt, und in einer guten Stunde wird der Seitenständer einer Generalüberholung unterzogen. Trotz vorhergehender Schweißarbeiten in den letzten Wochen sind immer wieder neue Risse hinzugekommen. Hab ja schon erwähnt, warum. Deckarbeiter, die die zulässige Anzugskraft eines Spanngurtes als Empfehlung auslegen. Jedenfalls hab ich der schön krautigen Werkstatt dargelegt, egal was wir drumrum und dran schweißen und wie häßlich es hinter aussieht, nur die Funktion zählt. Und so wurde geflext, gehämmert und gebrutzelt, daß es nur so eine Freude war. Am Ende waren wir alle zufrieden. Ich hab meinen Obolus abgedrückt, und dann bin ich näher mit dem mich unterstützenden Mitarbeiter ins Gespräch gekommen. Mich wunderte, daß dieser auch kaum englisch konnte. Erst als er zweimal “da” gesagt, viel der Groschen. Er ist Ukrainer und floh vor knapp zwei Jahren aus dem Raum Kharkiv vorm Krieg. Und seine Geschichte zu hören, war noch mal was völlig anderes, als uns vom ÖRR immer weiß gemacht wird. Gebohren in Potsdam in einer sowjetischen Kaserne, der deutschen Sprache aber nicht mächtig, ist er nun in seinen Leben in einer ziemlich beschissenen Lage angekommen. Die Familie auseinander gerissen, kann wegen Visumproblemen seine Tochter nicht sehen, und so weiter. Die Steine, die der Wertewesten da so in Weg legt, sind auch nicht ohne. Ukraine gut, Russen böse, so einfach ist es eben nicht. Mich nimmt die Sache schon mit, weil hier zwei Welten aufeinander treffen. Ich mach mir hier nen bunten und bollere mit der AWO gemütlich durch Britannien, und mir hilft ein Ukrainer, dessen Heimat grad zerbombt wird und der seine Familie nicht sehen kann. Wir sind beide der Meinung, daß dies alles schnellstmöglich enden soll, haben aber beide kein Vorstellung, wie und wann das geschehen wird.

An den großen Dingen der Welt nichts ändern könnend, setze ich meine Reise mit dem kreativsten Seitenständer, der mir je an die AWO gekommen ist, fort. Es war wieder reinstes Motorradwandern über grasbedeckte Hügel und durch bewaldete Senken. So hätte das noch stundenlang weitergehen können, wenn nicht am Nachmittag ein spürbarer Temperatursturz eingetreten wäre. So von gefühlt 18° auf 13° runter. Es hat dann leider ewig gedauert, ein Café zu finden, um mich wieder aufzuwärmen. Ich war irgendwie klipperklar und hatte trotz dicker Handschuhe Eispfoten. Gefühlt hatte ich mich auf einmal wie auf der Fahrt zum Nordkap, nur das mir diesmal die Lenkerstulpen fehlten. Die Aufwärmphase dauerte dann so lange, daß ich mein viel zu ambitioniertes Tagesziel, nämlich Nordwales, aufgab und es eher austrudeln lies und mir einen Campingplatz aussuchte. Dabei hab ich händeringend nach einem Wildcampingplatz gesucht. Aber in einem sind Waliser (und nicht nur diese) ziemlich konsequent, im Absperren ihrer Grundstücke. Das Nachtlager heute ist nichts halbes und nichts ganzes, aber wenn die Augen zu sind, ist es halb so schlimm.

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Britannien 20240909

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